Die Gesellschaft wird immer diverser. Wir finden, es ist an der Zeit, dass auch die Rathäuser im Land diverser werden. Deswegen unterstützen wir sehr gern insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen bei ihren Wahlkämpfen. Denn nicht nur alte oder junge weiße Männer haben eine Chance, gewählt zu werden.

In Baden-Württemberg hat ein Drittel der Menschen einen Migrationshintergrund, weil zum Beispiel ein Elternteil keinen deutschen Pass besitzt. Sie sind also viele. Nicht nur in Rathäusern, sondern in der Politik ganz allgemein ist diese Gruppe aber deutlich unterrepräsentiert. Im Landtag haben zum Beispiel aktuell nur 14 (!) von 154 neu gewählten Abgeordneten einen Migrationshintergrund. Ähnlich bescheiden ist der Frauenanteil. Dieser liegt im Landtag nur bei knapp unter 30 Prozent.

Wieso gibt es so wenig Menschen mit Migrationshintergrund in der Politik? Bei einer Bürgermeisterwahl zum Beispiel sind nicht nur Menschen mit deutschem Pass und Migrationshintergrund wahlberechtigt, sondern auch Menschen, die aus einem anderen EU-Staat kommen. Knapp die Hälfte der in Deutschland lebenden Ausländer stammt aus einem der 28 EU-Staaten, die meisten aus Italien und Rumänien.

Nicht überall im Land ist der Anteil ausländischer Menschen gleich hoch: Im ländlichen Raum ist die Zahl eher unterdurchschnittlich, in den industriellen Ballungsräumen traditionell deutlich höher. In der Region Stuttgart hat inzwischen jeder Dritte bis Vierte einen Migrationshintergrund.

Und wie steht es um die Frauen? Eine aktuelle Studie zum Anteil von Frauen und Männern unter den Bürgermeister:innen Deutschlands zeigt, dass 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht einmal in jedem zehnten Rathaus eine Frau auf dem Bürgermeisterstuhl sitzt. Daran scheint sich nicht viel zu ändern. Immer noch so wenig Frauen an der Macht! Der Frauenanteil stagniert laut der Studie seit Jahren auf niedrigem Niveau.

Spannend und ernüchternd wird es, wenn die Anzahl der Bürgermeisterinnen und die Größe der Gemeinde zusammen betrachtet werden: Je kleiner eine Gemeinde ist, desto mehr Frauen schaffen es ins Rathaus. Viele Bürgermeisterinnen aus den ganz kleinen Gemeinden arbeiten ehrenamtlich. Männer tun das eher weniger häufig.

Dass die Frage aufpoppt, warum all das so ist, überrascht nicht. Sie drängt sich auf. Es gibt mehrere Antworten. Der niedrige Frauenanteil in den Rathäusern ist mutmaßlich nicht unabhängig vom niedrigen Frauenanteil in Führungspositionen allgemein zu sehen. Aber warum schaffen es nur so wenig Menschen mit Migrationshintergrund in die Rathäuser, wieso gibt es so wenig Bürgermeister:innen, die keinen deutschen Namen tragen? Dass nur wenige Frauen und Männer mit Migrationshintergrund in einer baden-württembergischen Gemeinde regieren, könnte möglicherweise auch damit zusammenhängen, dass sich Bewerber:innen mit einem ausländisch klingenden Namen schlechtere Chancen ausrechnen, weil sie denken, dass sie den Wähler:innen keine ausreichende Möglichkeit zur Identifikation bieten.

Vielleicht haben Sie Timm Kerns Dissertation (Kern Timm (2008). Warum werden Bürgermeister abgewählt (2. Aufl.). Kohlhammer) durchgelesen. Tim Kern schreibt in der „Bibel“ der Bürgermeistermacher über zwei wesentliche Voraussetzungen, die ein(e) Bewerber:in mitbringen sollte, nämlich die Möglichkeit zur Identifikation und zur Projektion. Ein(e) Bewerber:in sollte demnach möglichst dieselben Wertvorstellungen wie die Wähler:innen haben. Das bedeutet, dass die Chancen eine(r) Bewerber:in, die einen ähnlichen schwäbischen oder badischen Dialekt spricht, dieselbe Konfession hat, denselben Sport betreibt, Kinder in der Kita abholt und vielleicht auch einmal in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert war, höher sind als die eines/einer Bewerber:in, der oder die aus Nordrhein-Westfalen stammt und mit dem Pferd durchs Dorf reitet.

Allerdings sollten sich Bewerber:innen nicht von einer Kandidatur abhalten lassen, bloß weil sich möglicherweise nicht 80 oder gar 100 Prozent der Bevölkerung mit ihnen identifizieren können. Denn gewinnen müssen sie am Wahltag nur die Stimmen ihrer drei, vier oder fünf Zielgruppen. Am Wahlsonntag reichen im ersten Wahlgang schon die Hälfte aller Stimmen plus eine Stimme und bei der Neuwahl, solange der Landtag den Modus bei Bürgermeisterwahlen nicht ändert, die relative Mehrheit. Dass Bewerber:innen nur wenige Zielgruppen gewinnen müssen, hat übrigens auch Lorenz Brockmann. (Brockmann Lorenz (2017), Wie man eine Wahl gewinnt: Leitfaden für einen erfolgreichen Wahlkampf: Kindle E-Book) beschrieben.

Wir sehen also große Chancen, dass in einer diverser werdenden Gesellschaft auch die Diversität in Rathäusern größer werden könnte, wenn sich kompetente Bewerber:innen finden. Geschlecht, sexuelle Orientierung, Migrationshintergrund oder Hautfarbe sind keine Ausschlusskriterien. Dass in Gemeinden und Städten Schwule Wahlen gewinnen und Bürgermeister oder Oberbürgermeister werden, ist längst normal. Viel wichtiger als Geschlecht oder Migrationshintergrund ist, dass sich die Kandidat:innen trauen und einen professionellen Wahlkampf führen, der noch immer als Arbeitsprobe gilt.